Anna Bartholome Ausschnitt klein rgb KopieIn einem Leserbrief wird die von Monika Gärtner-Engel geäußerte Sorge um den Abbau demokratischer Rechte in der Corona-Krise als „populistische Keule mit gefährlichem Halbwissen“ abgetan.

Was lief in Südkorea anders und offenbar auch erfolgreicher im Kampf gegen die Verbreitung des Corona-Virus als bei uns?

Erstens wurde in kürzester Zeit die gesamte Bevölkerung mit Schutzmasken und alle Einrichtungen mit Schutzkleidung ausgestattet. Zweitens wurde wirklich im Massenumfang getestet, genannt werden 376.000 Tests in wenigen Tagen, um 9.332 Infizierte ausfindig zu machen. Beides ist im hochtechnisierten Deutschland mit seinem aus Profitgründen reduzierten Gesundheitswesen immer noch nicht der Fall.

Was dann allerdings in Südkorea passiert, ist die komplette Überwachung aller positiv Getesteten auf mögliche Kontaktpersonen – Handyanbieter verschicken Warnmails, Kreditkartenabrechnungen, Mobilfunkdaten, Videoüberwachungen werden durchforste usw. Warum hält man es für undenkbar, dass Betroffene sich selber in Quarantäne begeben und Menschen informieren, mit denen sie Kontakt hatten? Es zeigt sich doch bei uns, wie verantwortungsbewusst und diszipliniert die überwältigende Mehrheit sich verhält – weil die Menschen aufgeklärt und solidarisch sind. Die jetzt auch von hiesigen Politikern ins Spiel gebrachte Handyüberwachung nach dem Vorbild Südkoreas sind Methoden eines Überwachungsstaates, auf die wir uns eben nicht blind verlassen dürfen. Da schreibt sogar die sicher nicht populistische „Süddeutsche Zeitung“ vom 29.3.: „Im Netz der Fahnder“ und „Virus frisst Grundrechte“.

Guenter wagner web KopieAls Arzt mache ich mir weiter große Sorgen über die Bekämpfung der Corona Pandemie.

In den Krankenhäusern, in den Pflegeheimen, im ambulanten Pflegebereich, in den Praxen usw. fehlen Schutzkleidungen und tatsächlich schützender Mundschutz. Die Hygienestandards werden drastisch gesenkt – anstatt diese zu erhöhen. Aufgrund des Personalmangels sollen mit Corona Infizierte weiter arbeiten, bis sie Symptome zeigen. Mit diesen Maßnahmen werden die Beschäftigten in diesen Bereichen gezwungen, das Corona Virus in großem Umfang zu verbreiten. Das nimmt der Innenminister Herr Reul hin. Aber Menschen, bei denen ein Verdacht besteht, sollen zwangsweise in Quarantäne genommen werden. Ist das nicht ein Widersinn? Selbstverständlich fordere ich alle auf, zwei Meter Abstand einzuhalten und Quarantäne bei Verdacht und positivem Befund.

willi mast web KopieSeit fast drei Monaten wissen die Verantwortlichen von der drohenden Corona-Epidemie. Heute (am 26.3.) erfahren wir von dem NRW-Gesundheitsminister, dass Krankenhäuser und Ärzte bis  auf weiteres nicht mit Atemmasken und Schutzkleidung versorgt werden können - und das angesichts einer bereits anrollenden Lawine von Corona-Infizierten. Es ist, als wenn wir Ärzte in einen Krieg geschickt werden und haben als Ausrüstung nicht einmal eine Knarre. Ich möchte die Verantwortlichen dringend dazu aufrufen, sich so wie auch andere EU-Länder mit einem Hilfsgesuch an die chinesische Regierung zu wenden. Da könnten wir von der italiensichen Regierung noch lernen, die inzwischen auch von kubanischen Ärzten Unterstützung erhält. Das ist zwar blamabel für die deutsche Regierung. Es würde uns und unseren Patienten aber effektiv helfen.

Abgedruckt wurde der Leserbrief nicht. Aber heute bekommen wir die heiß ersehnten Artikel – Desinfektionslösung, Atemmasken, Schutzkleidung – „made in China“. Ohne Worte, es geschehen noch Zeichen und Wunder...

Der Spiegel berichtete vor kurzem in einer Reportage aus der Arbeit in Krankenhäusern: "Jeder arbeitet, bis er Symptome hat. Anders ist es nicht mehr zu stemmen". Zitiert wurde eine Oberärztin einer Privatklinik aus Bayern.

Eine junge Krankenschwester aus dem Ruhrgebiet hielt das anfangs für eine Falschmeldung. Sie konnte das nicht glauben, bis sie von Kollegen aus ihrem Haus hörte: Das wird auch hier so gemacht!
Inzwischen höre ich selbst von immer mehr Leuten, dass das keine Ausnahme ist.
Ich halte das für absolut unverantwortlich. Pesonal, das corona-positiv ist, soll so lange arbeiten, bis Symptome auftreten. Eine unglaubliche Gefährdung für Patienten, Personal für die Ausbreitung von Corona. Bekanntermaßen beginnt die Ansteckungsfähigkeit zwei bis 14 Tage vor Auftreten der Symptome.
Ein krasser Ausdruck eines Gesundheitssystems, das über Jahre auf den Hund gebracht worden ist mit Bettenabbau, Klinikschließungen, Personalabbau, Schließung von Krankenpflegeschulen, Unterfinanzierung mit dem DRG-System. Da ist entschiedener gemeinsamer Protest nötig.

Ansammlungsverbot/Corona-Krise

Guenter wagner web KopieDer Oberbürgermeister verordnete ein Ansammlungsverbot: Zusammenkünfte von mehr als zwei Personen unter freiem Himmel sind untersagt. Inzwischen gilt dieses Ansammlungsverbot für ganz Deutschland. Als Arzt muss ich klipp und klar sagen: Das hat nichts mit Gesundheitsschutz zu tun. Wir Ärzte befürworten die Gelsenkirchener Regelung, was die Testung im Verdachtsfall betrifft. Aber diese Regelung hat viel zu lange gedauert. Ich selbst habe mich mehrmals beim Gesundheitsamt beschwert bis endlich gehandelt wurde. Vorher wurden die Betroffenen von einer Stelle zu anderen verwiesen und zuletzt immer zum Hausarzt. Das Testergebnis kann nach etwa sieben (!) Stunden abgelesen werden. Tatsächlich dauert es in Gelsenkirchen drei bis fünf Tage, bis die Getesteten ihr Ergebnis erhalten. Das bedeutet ganz einfach: Es gibt viel zu wenig Kapazitäten in den Labors. Es verstreicht viel zu viel wertvolle Zeit. Namhafte Virologen sind gegen eine Ausgangssperre – und das Ansammlungsverbot ist eine etwas abgeschwächte Ausgangssperre. Sie befürworten im Gegenteil: Die Leute sollen ins Freie. Im Freien und in der Sonne wird das Virus rascher abgetötet. Sinnvoll und richtig ist die Abstandsregelung von zwei Metern. Zusätzlich sinnvoll ist ein Mundschutz – vor allem aber ausreichende Laborkapazitäten! Die Mehrheit der Virusträger hat keine oder wenig Symptome und verbreitet unwissentlich das Virus. Deshalb ist eine flächendeckende Testung nötig.